Die Sturmflut 1962 und ihre Auswirkungen in Ellingstedt
Die Katastrophennacht im Februar
In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 ereignete sich an der gesamten deutschen Nordseeküste eine schwere Sturmflut. In der Folge wurden in Schleswig-Holstein weite Landstriche der Haseldorfer Marsch überschwemmt. Auch auf Eiderstedt und im nordfriesischen Küstenbereich kam es zu schweren Deichbeschädigungen und Deichbrüchen. Ganz anders stellte sich die Situation in Hamburg dar: Hier kam es in den elbnahen Stadtteilen zu katastrophalen Überflutungen, bei denen während der Flut und der anschließenden Rettungseinsätze 347 Menschen ihr Leben verloren.
Der Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr Ellingstedt
Dem Protokollbuch der Freiwilligen Feuerwehr Ellingstedt ist zu entnehmen, dass sich am 25. Februar 1962 fünf Kameraden auf Eiderstedt im Einsatz befanden, um gefährdete Deichabschnitte mit Sandsäcken zu verstärken.
Zeitgleich wurde auf Veranlassung der Landesregierung das ein Jahr zuvor an die Feuerwehr übergebene ZB-Fahrzeug (Ziviler Bevölkerungsschutz) – ein Unimog-Tanklöschfahrzeug – zu Pumpeinsätzen angefordert. Die Kameraden Hans Rüther und Heinrich Peters rückten damit nach Elmshorn aus, kamen dort jedoch aufgrund mangelnder Koordination der Hilfskräfte vor Ort nicht zum Einsatz.
Aufräumarbeiten in den Wäldern
Am 24. und 25. Februar waren Kameraden der Feuerwehr und weitere freiwillige Helfer in den umliegenden Wäldern im Einsatz. Der orkanartige Sturm hatte das Waldstück von Willi Ehlers in Schellund, die Flächen am Unteren Holzweg sowie die Flur Langkamp schwer verwüstet. Umgeworfene und abgeknickte Tannen lagen kreuz und quer auf den Flächen. Um eine erste Ordnung zu schaffen, sägten die Helfer die Stämme vom Wurzelwerk ab und ästeten sie aus.
Dabei kamen Äxte sowie Bügel- und Schrotsägen zum Einsatz. War der Hubweg für die herkömmliche Bügelsäge zu kurz, griff man zur Schrotsäge. Diese bot neben einem längeren Sägeblatt auch verschiedene Blatthöhen und gegenläufige Zahnungen. Da für die Bedienung der Schrotsäge zwei Personen nötig waren, wäre eine Motorsäge eine große Erleichterung gewesen – doch eine solche stand der Ellingstedter Feuerwehr 1962 noch nicht zur Verfügung.
Faschinenbau: Auch Schüler im Hilfseinsatz
Unter den freiwilligen Helfern befanden sich auch Schüler der Ellingstedter Volksschule. Sie standen nur wenige Tage vor ihrem Schulabschluss und waren für diesen Einsatz vom Unterricht freigestellt worden. Zu den Schülern, die im Ehlerschen Waldstück mithalfen, gehörte auch ich, der Verfasser dieser Zeilen. Wir transportierten und schleppten Reisig, Zweige und dünnes Geäst zum Bindeplatz für Faschinen, die dringend für die notdürftige Ausbesserung der beschädigten Deiche benötigt wurden.
Im Falle des Ehlerschen Waldstücks lag der Bindeplatz nahe dem heutigen Neuen Weg. Für die Herstellung wurden zwei parallel gegenüberstehende Pfahlreihen eingeschlagen. Dazwischen wurde das Reisig verpackt und mit Wäscheleinendraht stramm verschnürt. Die fertigen Faschinen waren etwa 1,5 Meter lang sowie rund 40 bis 50 Zentimeter hoch und breit – und entsprechend schwer zu transportieren. Sie wurden am Straßenrand des Neuen Weges gelagert, von wo die Bundeswehr sie mit Lastkraftwagen abholte und zu den Deichbruchstellen fuhr.
Solidarität und Dorfgemeinschaft
Es waren arbeitsreiche Tage, die durch einsetzenden Schneefall und Minusgrade zusätzlich erschwert wurden. Auch einige Ellingstedter Frauen beteiligten sich am Einsatz: Sie versorgten die Helfer mittags mit einer wärmenden Suppe und nachmittags mit Kaffee und selbstgebackenem Kuchen. Möglicherweise wurde diese Aktion vom DRK-Ortsfrauenverein Ellingstedt organisiert, auch wenn sich dazu keine direkten Hinweise im Protokollbuch des Vereins befinden. Dokumentiert ist jedoch, dass der Verein im Laufe des Jahres 1962 eine Haus- und Straßensammlung zur Unterstützung der Flutgeschädigten durchführte, bei der die Ellingstedter Bürger die stolze Summe von 1.198 DM spendeten.
Die Tage im Februar 1962 zeigen eindrucksvoll, wie harmonisch und Hand in Hand das gemeinschaftliche Zusammenwirken in der Gemeinde Ellingstedt in Zeiten der Not funktionierte.
Im April 2026
Autor: Günter Pieper
Lektorin: Eva Kämmerer
Tanzgruppe in Sackkleidern
In den 1960igern Jahren schlossen sich mehrere Frauen zusammen und gründeten eine Tanzgruppe. In selbstgenähten Sackkleidern traten sie tanzend und singend bei verschiedenen Veranstaltungen auf. Dabei wurden sie von Hermann Bauer auf dem Akkordeon begleitet.
Auf diesem Foto sind die Vorführungsteilnehmer Helga Andresen, Marlene Thomsen, Marianne Schröder, Elli Bauer, Magrit Freiberg, Hermann Bauer, Irene Koberg, Grete
Sievers und Thea Niemann zu sehen. Es entstand bei einer Feier in der Ellingstedter Mehrzweckhalle. Auch Thea und Else Kühl, Lieselotte Kämmerer, Wiebke Erichsen und Ingrid Bahnsen schossen sich
der Tanzgruppe an.
Günter Pieper hat Elli und Hermann Bauer sowie Helga Andresen zu diesem Thema interviewt und folgenden Bericht geschrieben.
Beim Tanzen sangen die Frauen das selbstgedichtete Lied
"Die Sackmode" nach der Melodie des Volksliedes "Ein Mann, der sich Kolumbus nannt...".
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De Puttenschlicker
Eine Nachkriegsgeschichte (aus dem Jahr 1946)
Not und Entbehrungen, ja sogar der Hunger bestimmte das Tagesgeschehen, besonders in den Städten wie Schleswig. Täglich kamen die Menschen aus der Stadt bei uns auf dem Land an unsere Tür, baten um ein Stück Brot, ein Ei oder ein paar Kartoffeln, gingen so von Haus zu Haus.
Auch ein Reisender mit seinem Fahrrad und ein bis zwei Koffern suchte uns in regelmäßigen Abständen immer wieder auf. Sein Kofferangebot enthielt Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens. Es war auch solche darunter, die in Notzeiten sehr gefragt waren. Dabei hatte er ein gutes Gespür dafür, was im Haushalt, Beruf und Landwirtschaft gebraucht wurde. Was er nicht dabei hatte, konnte er besorgen. Zum Beispiel verkaufte oder tauschte er sie ein, die damals so oft verwendeten Pottdichter (Topfdichtungen). Denn die damals gebräuchlichen Eisen- oder Emailletöpfe rosteten an den Stoßstellen sehr schnell durch, und Neuanschaffungen waren vor der Währungsreform 1948 fast unmöglich. Mit zwei kleinen Metallscheiben und einer Asbestscheibe dazwischen wurde das Loch im Topf mit Schraube und Mutter repariert. Diese Pottdichtungen gab es auch in gewinkelter Ausführung für die Topfecken. Es kam vor, dass ein Topf schon mehrere Verschraubungen aufwies.
Im Sommer 1946 fand im Ellingstedter Ortsteil Schellund eine Bauernhochzeit statt. Die Bauerstocher Frieda Thomsen heiratete ihren aus dem Krieg heimgekehrten Verlobten Willi Ehlers.
Zur Vorbereitung des Festes und des Polterabends hatten sich die Frauen der Nachbarschaft im Hause der Braut eingefunden. Es wurde gekocht, gebacken und leckere Speisen angerührt, als ein freundlicher Herr mit seinem Koffer die Küche betrat und den interessierten Frauen sein Angebot präsentierte. Dabei fiel sein Auge und sein Interesse vielmehr auf die vielen zum Abwaschen bereit gestellten Schüsseln und Töpfe, in denen sich noch Reste befanden. Bescheiden und höflich bat er die Frauen, ob er nicht die Reste aus den Töpfen ausschaben dürfte. „Selbstverständlich“, entgegneten die Frauen und stellten ihm einen Stuhl etwas abseits in die Küche, gaben ihm einen Löffel und einen Topf nach dem anderen auf seinen Schoß. Er schabte alle sauber aus, dabei entwickelten sich viele lustige Gespräche und Unterhaltungen, und die Frauen ließen ihm den einen und anderen Leckerbissen zukommen. So wurde er zum Hahn im Korb bei den Frauen und er wusste es zu genießen.
Als er sich mit einem Dankeschön freundlich verabschiedete und mit seinem Koffer den Hof verließ, blieb sein Name jedoch weitgehend unbekannt. Die Frauen hatten jedoch schnell die passende Bezeichnung für ihre neue Bekanntschaft parat, man nannte ihn ganz einfach auf Plattdeutsch „de Puttenschlicker“.
Es mögen ein oder auch zwei Jahre ins Land gegangen sein, da hatte sich „de Puttenschlicker“ einen großen Eisenwarenladen im Stadtweg in Schleswig aufgebaut unter der Bezeichnung „Eisen Büchler“. Da wusste man, es war der gute Herr Büchler, der in Notzeiten zur Stelle war, wenn bei uns auf dem Lande das Nötigste fehlte.
Doch im Volksmund und besonders in Ellingstedt und Umgebung hatte sich die Bezeichnung „de Puttenschlicker“ durchgesetzt. Man kehrte gerne dort ein, auch als nach der Währungsreform die Zeiten wieder besser wurden.
„Das Eisen Büchler“ im Stadtweg ist seit langem Geschichte, doch die Erinnerung daran mag mit dieser kleinen Erzählung wiederaufleben.
Hans Detlef Naeveaus HHH H
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Schnapsherstellung nach dem 2. Weltkrieg
in Ellingstedt
Mein Vater Rudolf Nielsen kam 1948 aus Kriegsgefangenschaft nach Ellingstedt auf den Hof von Hans und Catharina Peper. Mit dessen Tochter Elli war er liiert und es sollte noch im selben Jahr geheiratet werden und zur Hochzeitsfeier gehörte nun mal Alkohol und Tabak. Beides war nach dem Krieg knapp und unerschwinglich und nur auf dem schwarzen Markt zu erwerben. Deshalb war das die Zeit des Schwarzbrennens und Tabakanbaus.
Zur Vorbereitung auf die Hochzeitsfeier wurde nun der Tabak auf einem Feld am Seshornmoor, das wenig einsehbar war, angebaut. Man berichtete mir, dass die daraus gedrehten Zigarren schmeckten wie „Düwel op de Kopp“.
Das Brennen von Schnaps für die Feier ist verbunden mit einer kleinen Geschichte, die immer wieder gerne erzählt wurde:
Die Geräte zum Herstellen von dem Alkohol waren natürlich provisorisch zusammengeflickt worden. Der Topf, in dem sich die Maische befand und der dann auf dem Herd erhitzt werden sollte, war eine Milchkanne, der Deckel war mit Fett luftdicht verschlossen, das Loch für den Schlauch ebenfalls. Die Schläuche für den Destilliervorgang waren alt und brüchig, das Destilliergerät aus Dosen und Röhren notdürftig hergestellt. Um zu verhindern, dass der lebensgefährliche Methylalkohol entstand, wurde zweimal gebrannt. Trotzdem gab es in dieser Zeit in unserer Region Todesfälle aufgrund vom Konsum von Methylalkohol.
Aufgrund der maroden Brenngeräte verstopfte ein Schlauch und die Milchkanne flog mitsamt der Maische in die Luft, die Maische klebte in der Küche an der Decke und tropfte langsam und stetig von ihr runter. In diesem Schreckensmoment pochte es an der Lohdielentür. Nicht nur weil es spätabends war, war sie verschlossen. Meine Oma Katharina öffnete und sah dort einen ihr bekannten Polizisten, der auf Streife war, um Schwarzbrennen und Schwarzschlachten zu ahnden. Mit äußerst diplomatischem Geschick und der Nennung von vielen Gründen, weshalb die Küche nicht zu betreten sei, gelang es ihr, ihn in die Wohnstube um zu leiten. Im Detail sind mir die Ausreden nicht bekannt. Auch der sich schnell in der gesamten Wohnung verbreitete Geruch nahm der Polizist nicht zum Anlass, alles genau zu überprüfen. In Nachhinein war allen klar, dass er wie der berühmte Affe, nichts sehen, nichts hören und nichts riechen wollte.
Zumindest wurde das Schwarzbrennen nicht entdeckt, und nach der Reparatur gelang es doch noch genügend Schnaps für die Hochzeitsfeier herzustellen. Allen schmeckte der Schnaps hervorragend, es gab keine Todesfälle und alle vergnügten sich bis zum frühen Morgen.
Ellingstedt, Februar 2016
Hans-Wilhelm Nielsen