Geschichte der Milchkontrolle
Seit mehr als 150 Jahren bemühen sich Landwirte darum, die Milchmenge und den Milchfettgehalt ihrer Kühe zu ermitteln. Ihnen war bereits damals bewusst, dass man die leistungsstarken Tiere feststellen und die Fütterung auf die Milchleistung abstimmen muss, um dadurch die Wirtschaftlichkeit der Milchkuhhaltung zu verbessern. In den letzten Jahren des 19.Jahrhunderts gründeten sich Kontrollvereine im Bezirk der Landwirtschaftskammer für die Provinz Schleswig-Holstein aus der Erkenntnis heraus, dass die regelmäßige Einzeltierkontrolle sich als besonders effektive Maßnahme für den notwendigen Leistungsfortschritt herausstellte.
Im Jahre 1907 gründete sich der Landesverband Schleswig-Holstein, um die Arbeiten der Vereine zu vereinheitlichen. Im Jahr 1935, dem - vorerst - letzten Jahr der freiwilligen Kontrolle, betrug die Kontrolldichte - 76 in Schleswig-Holstein bereits 31,1 %, womit das Land an der Spitze im damaligen Reichsgebiet stand.
Die Einführung der Pflichtkontrolle, die sämtliche Bestände mit mindestens fünf - später mit drei und mehr - Kühen erfasste, wurde in Schleswig-Holstein 1936 in sehr kurzer Zeit vollzogen. Am 1. November 1936 waren 89,4 % aller vorhandenen Tiere von der Pflichtkontrolle erfasst. Die Pflichtkontrolle wurde in Schleswig-Holstein nach dem II. Weltkrieg mit dem 31. Dezember 1948 aufgehoben.
Von der Gründung im Jahre 1911 bis zur Aufhebung der Pflichtkontrolle 1949 bestand der Unterbau des Landeskontrollverbandes aus den Kontrollvereinen. Diese entsandten Delegierte in die Hauptversammlung. 1949 wurden die an die politischen Kreisgrenzen angelehnten Kreiskontrollvereine geschaffen.
Der höchste Bestand an Mitarbeitern gab es Ende der 1930er Jahre, aufgrund der Pflichtkontrollen, die 14tägig durchgeführt wurden. Bedingt durch den Rückgang der Kontrolldichte in den Nachkriegsjahren reduzierte sich die Zahl der Mitarbeiter. Die Umstellung auf eine monatliche Kontrolle, die zunehmende Zentralisierung der Arbeiten, Rationalisierungsmaßnahmen sowie der Strukturwandel in der Landwirtschaft führten zu einem kontinuierlichen Rückgang der Mitarbeiterzahlen. In den letzten 10 Jahren ist darüber hinaus durch die Einführung der Besitzer-Kontrolle der Personalbestand rückläufig gewesen. In der nachfolgenden Tabelle sind die Veränderungen Milchleistungsprüfungen dargestellt.
|
Jahr |
Betriebe |
Kühe |
Kühe je Betrieb |
Kontrolldichte |
|
1911 |
382 |
7860 |
20,8 |
|
|
1935 |
7398 |
138488 |
18,7 |
31,1 % |
|
1945 |
40235 |
394840 |
9,8 |
88 % |
|
1960 |
19670 |
277817 |
14,1 |
59,4% |
|
1980 |
8264 |
293144 |
35,5 |
56% |
|
1997 |
5840 |
316634 |
54,2 |
78,6% |
Im Heft Nr. 9 aus dem Jahre 1904 über Rindvieh-Kontrollvereine der Schriftenreihe der Landwirtschaftskammer wurden als Hauptaufgaben der Kontrollvereine genannt:
1. Mit größter Genauigkeit den Ertrag jeder einzelnen Kuh an Milch, Butter etc. zu bestimmen;
2. Soweit und so genau es wirtschaftlich möglich ist, den Futteraufwand jeder einzelnen Kuh quantitativ und qualitativ festzustellen und durch regelmäßige Aufzeichnungen über die Leistungen und den Futterverbrauch festzustellen, wie gut oder schlecht die einzelnen Kühe ihren Unterhalt bezahlt machen, oder, mit anderen Worten, wie hoch oder niedrig sie das ihnen gegebene Futter verwertet haben.“
Von der Milchkontrolle zur Unternehmensberatung
Auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten sich die Darstellung dieser Arbeiten aufgrund neuer Erkenntnisse sowie durch die Weiterentwicklung der Fütterungstechnik ständig gewandelt hat, so stellen nach wie vor die monatlichen Kontrolldaten die Basis für die Futterberechnung, insbesondere für die Zuteilung der leistungsgerechten Kraftfuttermengen dar. Dass im Gegensatz zu früheren Jahren die heutigen Leistungsprüfer und Probenehmer keine Fütterungsberatung, sondern lediglich eine Grundfuttermittel-Mengen-Erfassung vornehmen, liegt sowohl an der zunehmenden Spezialisierung der Fütterungsberatung wie an dem zunehmenden Einsatz der Fütterungscomputer. Während der Fett- und Eiweißgehalt der Milch im Rahmen der Milchleistungsprüfung schon langjährig untersucht werden, gibt es für den Milch-Harnstoffgehalt erst seit wenigen Jahren leistungsfähige Untersuchungsautomaten, die diesen Parameter in der Milch in einem Arbeitsgang mit dem Fett und dem Eiweiß analysieren. Anhand der Milchinhaltsstoffe Eiweiß und Harnstoff lässt sich die Energie- und Rohproteinversorgung der Kühe beurteilen.
Mit der Untersuchung der Milch auf den Harnstoffgehalt und der entsprechenden Auswertung bietet der Landeskontrollverband seit Sommer 1994 seinen Mitgliedern eine zusätzliche Hilfestellung bei der leistungsgerechten Fütterung der Kühe an. Dadurch wird die Gesundheit der Kühe gefördert, und durch die Milchproduktion bedingte Stickstoffbelastungen der Umwelt werden verringert. Eine leistungsangepaßte Fütterung ermöglicht einen sorgfältigen Umgang mit Energie und Eiweiß in den Futtermitteln und trägt dazu bei, eine übermäßige Stickstoffausscheidung zu vermeiden.
Vor dem Hintergrund der ständig gestiegenen Anforderungen an die Qualität der Rohmilch gewann die monatliche Zellzahlbestimmung für jede einzelne Kuh in der Milchleistungsprüfung eine zusätzliche Bedeutung. Leistungseinbußen und Milchgeldabzüge durch erhöhte Zellzahlen lassen sich vermeiden, wenn durch die Kenntnis des Eutergesundheitsstatus jeder einzelnen Kuh rechtzeitig die euterkranken Tiere in der Herde behandelt oder ausgemerzt werden.
(Quelle: Festschrift zum 199jährigen Bestehen des Landeskontrollverbandes Schleswig-Holstein)
Zusammenfassung:
Management und Wirtschaftlichkeit: Die Milchleistungsprüfung (MLP) erfasst wichtige Milchinhaltsstoffe wie Fett, Eiweiß, Harnstoff und Zellzahl. Leistungseinbrüche können erkannt und behoben werden, Effizienz der Milchproduktion gesteigert werden.
Tierwohl und -gesundheit: Gesundheitsprobleme können frühzeitig erkannt werden, Eutergesundheit, sowie die Eiweiß- und Energieversorgung überwacht werden.
Zucht und Forschung: Die MLP liefert wichtige Daten für die Selektion und Vererbungssicherheit von Zuchttieren und wird genutzt für eine bundesweite Zuchtwertschätzung.
Hans-Wilhelm Nielsen